Auf nach Charlottenburg!

Vom 22.03.2020 | Thema: Fußball, Kultur | Auftraggeber: Ingo Petz

Am 21. März 2020 hätte mein Verein, der 1. FC Union Berlin, im Bundesligaderby gegen den Stadtrivalen Hertha BSC spielen sollen. Dann kam Corona. Hier mein Text zum Derby, das (noch) nicht stattfand.

Bisschen Oberschöneweider Gossenprosa zum Derbytag: Wir hatten diese Idee. Mit Freunden mit dem Bus nach Charlottenburg. Dann kam Corona. Aber unser Tag, er wird kommen!

War natürlich ne Schnapsidee unter Freunden und Freundinnen, unter Unionern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei einer unserer letzten Auswärtsfahrten, die wir organisiert haben – der eine sagt, die Idee wurde geboren, als wir mit dem Bus auf Schalke waren, der andere, als wir auf dem Weg nach Mainz waren. Egal. Luft, Pfeffi, Kindl und Mische spielten als Ideenbeschleuniger sicherlich eine Rolle. Und natürlich Union: der Geist, das Herz, die Liebe. Da braucht man kein Kreativmarketingseminar, wenn man es ernst meint: „Klar fahren wir nach Charlottenburg. Auswärts ist auswärts.“ Eben: auswärts ist auswärts. Ob nach Falkensee-Finkenkrug, Hamburg oder Charlottenburg. Der Bus war schnell organisiert, ein zweiter musste her. Anerkennende Komplimente gab es genug: „Ihr habt einen an der Karre. Steile Idee. Wir sind dabei. Sieben Plätze für uns.“

Derbytag. Fahne an den Balkon gehängt, Schal um, die Hände sind schwitzig, das Herz vibriert. Im Oberschöneweider Bermudadreieck, an der Wilhelmine, grüßt die Bohéme mit Kindl, Pilsner und Eisern. Augenringe, Aloholteint. Die letzte Nacht war lang. Wer kann schon schlafen, vor so einem Spiel. Also ging es um die Häuser, mit Bruno, Tommi und Ente. Dann schneite noch Koppe herein, Ex-Nachbar, Ex-Burgermeister. HaHoHe, ruft er in die Runde. Unsere Antwort, natürlich: Eisern! Gelächter. Umarmung. Letztes Bier um vier. Euphorisches Einstimmen. Wir gewinnen sowieso. Kurzer Schlaf. Fiebriges Hirn am Morgen.

Ein letzter Blick auf die ockerfarbenen Klinker, die alten Schornsteine, die wie Denkmale am Himmel kratzen. Durch die Marienstraße geht es zur Plönzeile, vor dem Krieg: Luisenstraße. Geburtsort des FC Olympia Oberschöneweide, im Jahr 1906. Petra hat die Kneipe extra früher aufgemacht. Ich blicke auf das Schild über dem Eingang: Gaststätte Schulz. Eine typische Kiezkneipe, wo es um das Wesentliche geht, ganz ohne Romantik, aber mit viel Realismus. Alle nennen diesen Ort einfach: Schulle. Nach seinem Besitzer. Der ist allerdings vor einigen Wochen gestorben. Verdammter Krebs! Ihm hätte unsere Idee gefallen. So ist es, an diesem besonderen Tag, auch ein wehmütiger Tag. Aber Schulle ist dabei, nur darauf kommt es an.

Die ersten sind schon da. Drekis, die Ziegen, Biker, Freunde und Anrainer. Rot und weiß, wohin das Auge blickt. Vertraute Gesichter, glasige Augen, Lächeln, Lachen, Schulterklopfen. Dazwischen mal: Red´ nich so nen Müll. Eisern Union! Eisern Union! Eisern Union! Das Bier läuft, der Pfeffi will fließen. Niemand kann sich in diesem Moment vorstellen, irgendwo anders zu sein. Niemand kann sich vorstellen, dass es auch anders sein könnte, an diesem Tag. Warum sollte es auch irgendwie anders sein?

Um sechzehn Uhr rollen die Busse vor. Wir sind bereit. Manch einer: bereiter. Aber wir lassen niemanden zurück. Das Herz schreit. Die Seele brennt. Nur die Sonne fehlt. Aber es geht ja nach Charlottenburg. Wir gewinnen sowieso. Ente macht den Schnapsboten. Eine Tradition bei uns. Zu jeder Auswärtsfahrt gibt es selbstgestaltete Schnäperken für die Mitfahrer. Diesmal findet sich unser 1:2 auf den Etiketten, Berlins Nummer Eins, Tante Hertha ist doof! und natürlich: unser Wappen. Prost und Eisern! Erinnerungen machen die Runde und vermischen sich mit Gesang und Gegröhle. Weeste noch damals? Tusche. Bamm! Kulturkampf. Santi Kolk. Micky Mäuse. Polti. Bumm! Stadtmeister! Nur zu Hertha geeeeh´n wir nicht… So rollen die Busse über die Spindlersfelder Brücke. Die Alte Försterei im Blick. Durch Adlershof geht es auf die Stadtautobahn. Gen Westen. Dreißig Kilometer bis zum Ziel: Olympischer Platz. Nummer 3. 14053 Berlin.

Ein letzter Blick gen Ostkurve. Der Rauch verfliegt. Die Fahnen wehen. Das Flutlicht blendet. Der Mob glüht in Rot. Ich umarme Ente, dann Peking. Ich balle meine Hände. Eisern Union! Eisern Union! Eisern Union! Pfiff. Das Spiel beginnt. Und niemand, wirklich niemand glaubt in diesem Moment, dass wir nicht gewinnen würden. Nicht gewinnen werden. Wir. Alle. Zusammen.

Auf nach Charlottenburg